Das Imperium Humanis

Ruinen eines imperialen Torbogens, dahinter brennende Türme und ein gepanzerter Legionär mit schwerer Waffe

Das Imperium Humanis

Kompendium Aeterna / Die Rassen / Das Imperium Humanis

Fraktionsband I

„Wir sind die Einzigen, die noch die Werkzeuge halten, um aus den Trümmern von gestern eine Chance für morgen zu schmieden.“

General Clavius Agrippa, Expeditions-Korps des Grenzsektors

Kodex-Eintrag

Herkunft Die Kernenklaven, Hauptsitz Aeternum

Abstammung Menschen, biologisch unverändert

Staatsform Technokratie der Notwendigkeit unter dem Archonat

Gründung Jahr 0 A.T.C., Aufstieg des ersten Caesar Gaius Aeternus

Grundsatz Wer die Lebenserhaltung beherrscht, besitzt die Macht

Selbstbild die letzte Bastion

I. Der Ingenieur

Die Kinder der Enklaven lernen früh, dass Gaius Aeternus kein Gott war. Das Imperium hat keine Götter und wollte nie welche. Es hat einen Ingenieur.

Die Überlieferung ist alt, und wie alle alten Geschichten ist sie über fünfzehn Jahrtausende glattgeschliffen worden. Sicher ist nur ihr Kern. Auf einer Welt, deren Name in den Archiven nur noch als Ziffernfolge erhalten ist, versagte der zentrale Reaktor einer Siedlung von mehreren Millionen Menschen. Die Verwaltung floh. Die Wachmannschaften flohen. Ein Wartungstechniker namens Gaius blieb, mit vierzig Arbeitern und einem Werkzeugwagen, und hielt den Reaktor neun Tage lang mit Handsteuerung am Laufen, bis die Notkühlung wiederhergestellt war.

Als die Siedlung überlebte, fragte man ihn, was er als Belohnung wolle. Er antwortete, er wolle die Schlüssel zum Reaktor. Man gab sie ihm. Wer die Schlüssel zum Feuer hielt, hielt das Leben aller in der Hand, und Gaius begriff schneller als jeder andere, was daraus folgte. Er ordnete die Siedlung nach der einzigen Hierarchie, die er für ehrlich hielt: Wer eine Maschine am Laufen hält, von der andere abhängen, steht über denen, die von ihr abhängen.

Das Wort Caesar bedeutete damals in der Sprache der Wartungsschichten nichts weiter als Schichtführer am Kern. Gaius machte es zu einem Titel. Sein Beiname Aeternus kam später, als die Ordnung, die er geschaffen hatte, seine Welt überdauerte und sich auf andere Welten ausbreitete. Mit seinem Aufstieg beginnt die Zeitrechnung des Imperiums: A.T.C., Anno Tenendi Caesaris, das Jahr des haltenden Caesar.

II. Die goldene Expansion

Achteinhalb Jahrtausende lang schien es, als habe Gaius das Prinzip gefunden, nach dem eine Zivilisation unbegrenzt wachsen kann. Die Menschheit breitete sich aus, Welt um Welt, und jede neue Kolonie wurde nach demselben Muster errichtet: ein Kern aus Reaktoren, darum ein Ring aus Wartungsanlagen, darum die Wohnbereiche, darum die Felder und Minen. Je näher man am Kern lebte, desto höher war der Rang.

Die Archive dieser Zeit sind voller Zahlen. Bevölkerungskurven, Förderquoten, Reaktorleistungen. Das Imperium dieser Epoche maß seinen Erfolg in Wachstum, und es wuchs. Am Höhepunkt der Expansion, um das Jahr 8.400 A.T.C., zählten die imperialen Register über vierzigtausend bewohnte Welten.

Was die Register nicht zählten, war der Verschleiß.

III. Die Erste Stille

Im Jahr 8.412 A.T.C. verstummte der Sektor Corvus. Zweihundertvierzig Welten, die am Vortag noch Fördermeldungen geschickt hatten, sendeten nichts mehr. Keine Notrufe, keine Funkfeuer, keine Schiffe. Die Expeditions-Korps, die nachsahen, fanden Welten ohne Bewegung und Materie, die unter den Händen nachgab. Die Archive nennen das Ereignis die Erste Stille, und mit ihr beginnt, was das Imperium das Zeitalter der Entropie nennt.

Danach bemerkten die Ingenieure des Imperiums den Zerfall überall, zuerst an ihren Toleranzen. Bauteile, die für ein Jahrhundert ausgelegt waren, versagten nach sechzig Jahren. Dann nach dreißig. Reaktoren brauchten häufigere Wartung, Rüstungen wurden spröder, Navigationsdaten zwischen den Sternen verloren an Genauigkeit, als würden sich die Abstände selbst verändern.

Innerhalb eines Jahrhunderts zerriss das Netz der Welten Stück für Stück. Die Versorgungslinien wurden zu lang für die Lebensdauer der Schiffe, die sie befuhren. Kolonien, die zu weit vom Kern entfernt lagen, konnten nicht mehr gehalten werden. Das Imperium musste wählen, und es wählte nach dem Prinzip des Gaius: Was die Kette nicht mehr tragen kann, wird abgetrennt, damit der Rest überlebt. Um 8.500 A.T.C. erließ das Archonat das Edikt der Versiegelung.

So entstanden die Enklaven. Aus einem Reich wurde ein Geflecht befestigter Inseln, jede um ihr eigenes Fusionsfeuer gebaut, jede so autark wie möglich, verbunden nur durch Kurierschiffe und die Logistik-Direktorate, die den Austausch des Nötigsten regeln. Von den vierzigtausend Welten der goldenen Zeit sind heute noch etwa dreitausend bewohnt. Das Imperium nennt diesen Zustand nicht Niedergang. Es nennt ihn Konsolidierung.

IV. Die Kette

Die Gesellschaft des Imperiums ist keine Pyramide aus Adel und Untertanen. Sie ist eine Kette, und jeder Mensch ist ein Glied darin.

Jede Funktion in einer Enklave hat einen Platz in der logistischen Kette, und dieser Platz bestimmt Rang, Wohnraum, Ration und Stimme. Am Anfang der Kette steht das Fusionsfeuer. Wer es wartet, steht oben. Danach folgen die Lebenserhaltung, die Wasseraufbereitung, die Rüstungswerkstätten, die Legionen, die Förderung, die Versorgung. Am Ende der Kette stehen jene, deren Arbeit ersetzbar ist. Jeder Bürger trägt seine Kettennummer als Teil seines Namens, und ein Imperialer, der einen Fremden trifft, fragt zuerst nicht nach dessen Herkunft, sondern nach dessen Glied.

An der Spitze jeder Enklave steht ein Archon-Präfekt. Er ist kein Herrscher im alten Sinn, sondern der oberste Verantwortliche für die Infrastruktur. Versagt die Lebenserhaltung seiner Enklave, verliert er nicht nur sein Amt, sondern seinen Platz in der Kette, und mit ihm seine Familie. Über den Präfekten steht das Archonat in Aeternum, ein Rat aus zwölf Archonten, die jeweils für einen Bereich der Gesamtlogistik zuständig sind. Einen Caesar hat es seit Gaius nicht mehr gegeben. Der Titel ruht, weil, so heißt es im Kodex Aeterna, „kein Einzelner mehr den ganzen Kern halten kann“.

Die Konstrukteurs-Gilden bewahren das technische Wissen und hüten es eifersüchtig. Die Logistik-Direktorate berechnen, was wohin geht und was wo aufgegeben wird. Die Expeditions-Korps sind die mobilen Kräfte, die zwischen den Enklaven operieren, Nachschub sichern und Grenzen verteidigen. Und die Legionen, schwer gepanzert und streng gegliedert, sind das Schwert, das alle drei schützt.

V. Nackt

Ein Mensch des Imperiums kommt nackt zur Welt und lebt die ersten siebzehn Jahre seines Lebens im Inneren der Enklave, in den geschützten Ringen um das Feuer, wo die Luft gefiltert und die Strahlung abgeschirmt ist. Draußen, außerhalb der Mauern, würde er Stunden überleben, vielleicht Tage.

Mit siebzehn wird er eingekleidet. Die Einkleidung ist das wichtigste Ereignis im Leben eines imperialen Bürgers. Er erhält die Rüstung, die seiner Kettenfunktion entspricht: einen Arbeitsanzug für die Wartungsschichten, eine Feldrüstung für die Expeditions-Korps, die schweren Panzerplatten der Legion. Von diesem Tag an ist die Rüstung seine zweite Haut, und er wird sie bis zu seinem Tod nur zum Schlafen, zur Wartung und zur Heilung ablegen.

Das Wort nackt ist im Imperium deshalb kein Ausdruck für fehlende Kleidung, sondern für fehlenden Schutz. Ein nackter Mensch ist ein Mensch ohne Maschine, und ein Mensch ohne Maschine ist, so lehrt es jede Ausbildungswelt von Thessalon bis zu den Randenklaven, dem Tode geweiht. Imperiale Soldaten, die ihre Rüstung im Feld verlieren, berichten von einer Angst, die sich kaum beschreiben lässt. Es ist nicht die Angst vor dem Feind. Es ist die Angst, nichts mehr zu sein.

Darin liegt die Stärke des Imperiums und seine tiefste Schwäche. Kein Volk der Galaxis beherrscht die Verbindung von Mensch und Maschine so vollkommen. Und kein Volk der Galaxis ist so vollständig davon abhängig.

VI. Das Feuer

Das Imperium ist kein religiöses Gebilde. Es kennt keine Tempel und keine Gebete. Was es kennt, ist das Feuer.

In der Mitte jeder Enklave brennt ein Fusionsfeuer, und um dieses Feuer herum ist alles gebaut, was die Menschen dort am Leben hält. Das Feuer darf nicht ausgehen. Dieser Satz ist kein Glaube, sondern eine technische Tatsache, aber er wird mit einer Ernsthaftigkeit ausgesprochen, die anderen Völkern wie Frömmigkeit erscheint. Die Wartungstechniker des Kerns tragen die Farben des Feuers. Ihre Schichtwechsel werden mit einem Zeremoniell begleitet, das sich seit Jahrtausenden kaum verändert hat. Und wenn eine Enklave fällt, wenn ihr Feuer erlischt, wird ihr Name im Kodex Aeterna mit einem schlichten Vermerk versehen: erloschen.

Der Kodex Aeterna selbst ist kein heiliges Buch, sondern eine über Jahrtausende gewachsene Sammlung von Wartungsprotokollen, Gesetzen, Lehrfällen und Leitsätzen. Er wird in jeder Enklave abgeschrieben, ergänzt und weitergegeben. Viele seiner Fragmente sind nüchterne technische Anweisungen. Manche sind zu Sprichwörtern geworden, die jedes imperiale Kind auswendig kennt:

Die Logik ist unser Schild, die Technik unser Schwert. In der Arithmetik des Krieges gibt es keine Gnade, nur das Ergebnis.

VII. Der Lehrfall Grag

In den Akademien der Logistik-Direktorate wird ein Fall gelehrt, der unter der Bezeichnung Vorgang Grag IV geführt wird. Er gilt als Musterbeispiel für eine korrekte Entscheidung unter extremer Ressourcenknappheit.

Im Jahr 14.106 A.T.C. stand der Archon-Präfekt Severin Dux vor der Wahl, eine Bergbaukolonie während eines Sonnensturms zu evakuieren oder aufzugeben. Die Evakuierung hätte die Transportkapazität des Sektors gebunden und nach den Berechnungen des Direktorats drei andere Enklaven in Versorgungsnot gebracht. Dux entschied sich für die Aufgabe. Er wurde dafür ausgezeichnet. Die Akademien zitieren seine Begründung bis heute als Lehrsatz: Die Kette ist stärker als jedes ihrer Glieder, aber nur, wenn man bereit ist, ein Glied zu opfern.

Was die Akademien nicht lehren, ist das, was danach geschah. In den offiziellen Unterlagen endet der Vorgang mit dem Vermerk abgeschlossen. Die Grag-Haut, die heute die Grenzsektoren bedrohen, werden in imperialen Kriegsberichten als „mutierte Population unklarer Herkunft“ geführt, und die Verbindung zwischen beiden Akten ist in den meisten Enklaven als geheim eingestuft.

Doch es gibt Imperiale, die die Verbindung kennen. Eine kleine, wachsende Strömung unter den Offizieren der Expeditions-Korps, die sich selbst die Restitution nennt, vertritt die Ansicht, dass der Vorgang Grag kein Lehrfall für richtige Entscheidungen ist, sondern das Gegenteil: ein Beweis dafür, dass die Kette Menschen hervorbringt, die sie selbst nicht mehr als Menschen erkennt. Die Restitution ist in den Kernenklaven verboten. An der Front wird sie geduldet, weil sie Offiziere hervorbringt, die mit den Grag-Haut verhandeln können, wenn es darauf ankommt.

VIII. Das Imperium und die Entropie

Das Imperium ist das einzige Volk, das ernsthaft glaubt, die Entropie mit Ingenieurskunst verlangsamen zu können. Und es hat damit recht, zumindest im Kleinen. Eine gut gewartete Enklave hält dem Zerfall länger stand als jede andere Siedlung der Galaxis. Die Toleranzen imperialer Technik sind enger, die Wartungsintervalle kürzer, die Disziplin härter.

Der Preis dafür ist Abschottung. Das Imperium hält die Entropie draußen, indem es sich einschließt. Jede Enklave ist eine Festung gegen den Zerfall, und jede Festung wird mit den Jahren kleiner, weil der Aufwand, ihre Mauern zu halten, jedes Jahr wächst.

Den Äther betrachtet das Imperium mit Misstrauen. Er ist eine Energie aus den Rissen der Realität, und Risse sind das, was die Kette zu verhindern versucht. Dennoch gibt es imperiale Ätherkundige, streng registriert und von den Gilden überwacht. Sie werden geduldet, weil die Fronten sie brauchen, und gefürchtet, weil jeder von ihnen ein Riss ist, der in der Enklave wohnt.

IX. Die anderen Völker

Die Grag-Haut sind dem Imperium die tiefste Kränkung, weil sie Menschen waren. Für die meisten Imperialen verkörpern sie den biologischen Verfall: das, was aus einem Menschen wird, wenn er ohne Maschine überleben muss. Das Wort „genetischer Abfall“ wird in den Kasernen ohne Nachdenken benutzt. Dass die Grag-Haut ausgerechnet die Kunst der Instandhaltung besser beherrschen als die Gilden selbst, ist eine Tatsache, die kein Konstrukteur laut ausspricht.

Die Machina Primaris begegnen dem Imperium mit einer Gleichgültigkeit, die es nicht erträgt. Das Imperium wiederum begegnet ihnen mit ehrfürchtiger Paranoia. Die Machina sind die Bewahrer der Ersten Maschine, eines Wissens, das alles übersteigt, was die Gilden je besaßen. Ein Imperium, das seine Macht auf Technik gründet, kann einem Volk, das Technik ist, nicht gelassen gegenüberstehen.

Die Khaz-Ra sind Partner, keine Freunde. Ihre Rohstoffe und ihr Stahl speisen die imperialen Schmieden, und ihre Festungsbaukunst hat mehr als eine Randenklave vor dem Fall bewahrt. Die Beziehung ist kühl, vertraglich und präzise, und beide Seiten wissen genau, was sie voneinander haben.

Die Äthaner werden für ihre Physik respektiert. Kein imperialer Gelehrter bestreitet, dass die äthanische Theorie der Realität der eigenen um Jahrtausende voraus ist. Doch ein Volk, das so viel weiß und so wenig baut, gilt dem Imperium als schwach.

Die Mioda werden geduldet, weil sie liefern. Ohne die Handelskonsulate der Mioda würden viele Randenklaven an Ersatzteilmangel sterben, und jeder Archon-Präfekt weiß das. Man vertraut ihnen nicht, aber man bezahlt sie pünktlich.

Die Kyrrakai und die Apex sind keine politischen Gegner. Sie sind Vernichtung. Gegen die Kyrrakai führt das Imperium einen Krieg ohne Gnade und ohne Verhandlungen. Die Apex gelten als biologische Seuche, die man nicht besiegen, sondern nur eindämmen kann.

X. Orte und Gestalten

Aeternum. Die älteste Enklave und Sitz des Archonats. Ihr Fusionsfeuer, das sogenannte Erste Feuer, brennt nach imperialer Überlieferung seit dem Tag, an dem Gaius Aeternus die Schlüssel erhielt. Ob es wirklich derselbe Reaktor ist, weiß niemand. Kein Archon hat je zugelassen, dass es nachgeprüft wird.

Thessalon. Die größte Ausbildungswelt der Legionen. Hier werden jedes Jahr Zehntausende junge Menschen eingekleidet, und hier lernen sie, was es heißt, nackt zu sein. Die Ausbilder von Thessalon gelten als die härtesten des Imperiums. Ihr Leitsatz steht über jedem Tor: Die Rüstung macht dich nicht stark. Sie macht dich möglich.

Die Randenklaven. Hunderte Festungswelten an den Grenzen des imperialen Netzes, schlecht versorgt, ständig bedroht und auf Zusammenarbeit mit Völkern angewiesen, die die Kernenklaven verachten. Hier entsteht der Pakt der Notwendigkeit, hier dienen die Offiziere der Restitution, und hier sind die Präfekten oft pragmatischer, als das Archonat erlauben würde.

General Clavius Agrippa. Oberbefehlshaber des Expeditions-Korps im Grenzsektor und der bekannteste imperiale Befürworter des Pakts. Agrippa hat als erster imperialer General offiziell gemischte Trupps unter seinem Kommando zugelassen, mit Mioda als Mittlern und Khaz-Ra als Pionieren. In den Kernenklaven gilt er als gefährlich. An der Front gilt er als der Grund, warum es die Front noch gibt.

Präfektin Livia Sabinus. Archon-Präfektin der Randenklave Varn. Sabinus gilt als stille Anhängerin der Restitution und hat als einzige Präfektin ihres Sektors einem Rudel der Grag-Haut die Nutzung eines aufgegebenen Docks gestattet, gegen Reparaturleistungen an der Enklavenflotte. Ihr Bericht an das Archonat bestand aus einem Satz: Die Kette ist um ein Glied länger geworden.

XI. Die Fußnote

Eine Szene aus der Randenklave Varn, 15.242 A.T.C.

Der Bruch im Ring Sieben kam um vier Uhr morgens, Enklavenzeit, und um vier Uhr zwölf stand Livia Sabinus im Kontrollraum des Feuers und las die Zahlen.

Ein Mikrometeorit hatte die äußere Hülle durchschlagen, an einer Stelle, die seit vierzig Jahren als ermüdet geführt wurde. Der Druckabfall war langsam, aber stetig. In achtzehn Stunden würde die Atmosphäre im gesamten Ring Sieben unter den Grenzwert fallen. Im Ring Sieben lebten elftausend Menschen, fast alle aus den unteren Gliedern der Kette: Förderarbeiter, Versorgungsschichten, ihre Familien.

„Das Direktorat hat gerechnet“, sagte der Logistikoffizier neben ihr. Er war jung, sein Name war Corvin, und er hielt ihr das Datenblatt hin, als wäre es heiß. „Drei Optionen.“

Sie las. Option eins: Evakuierung aller Bewohner in die inneren Ringe. Dafür reichten weder die Notfallschleusen noch die Lebenserhaltung der inneren Ringe für länger als sechs Wochen, bis der Ring Sieben repariert wäre. Kosten: Rationierung für die gesamte Enklave, Leistungsabfall der Rüstungswerkstätten um ein Drittel, Lieferverzug an zwei Nachbarenklaven. Option zwei: Reparatur unter Betrieb. Dafür fehlten Ersatzteile, die frühestens in neun Tagen mit dem nächsten Kurier kämen. Option drei stand unten auf dem Blatt, kleiner gedruckt.

Versiegelung Ring Sieben. Erhaltung der Kernfunktionen. Keine Auswirkung auf die Kette.

Sabinus sah auf. Corvin sah zu Boden.

„Sie wissen, was Option drei ist“, sagte sie.

„Die Akademie nennt es den Vorgang Grag.“

„Die Akademie nennt es einen Lehrfall.“ Sie legte das Blatt auf die Konsole. Über ihnen summte das Feuer, ein tiefes, gleichmäßiges Geräusch, das sie seit ihrer Kindheit hörte und das sie nachts noch im Schlaf hörte, wenn sie die Enklave verließ. „Wissen Sie, was der Unterschied zwischen einem Lehrfall und einer Fußnote ist, Corvin?“

„Nein, Präfektin.“

„Ein Lehrfall wird erzählt. Eine Fußnote wird gelesen. Severin Dux hat eine Fußnote gelesen, und er hat sich dafür entschieden, weil darin keine Namen standen.“ Sie tippte auf das Blatt. „Hier stehen auch keine Namen.“

Corvin schwieg. Durch das Fenster des Kontrollraums konnte man die Ringe der Enklave sehen, sieben Bögen aus Stahl und Licht, die sich um das Feuer legten wie die Jahresringe eines Baumes, den es auf dieser Welt nie gegeben hatte.

„Rufen Sie das Dock an“, sagte Sabinus.

„Das Dock, Präfektin?“

„Das Rudel. Fragen Sie nach ihrem Prime. Fragen Sie ihn, ob sie einen Hüllenbruch unter Druck flicken können, ohne Gildenteile, in weniger als achtzehn Stunden.“

„Präfektin, das Archonat …“

„Das Archonat wird einen Bericht bekommen. Rufen Sie an.“

Der Prime kam selbst. Er brauchte sich nicht zu beeilen, sein Rudel war schon unterwegs, bevor der Anruf endete, und als er den Kontrollraum betrat, musste er den Kopf einziehen. Er trug keine Rüstung. Er trug einen Werkzeuggürtel, an dem jedes Stück voller Kerben war.

„Ring Sieben“, sagte er. „Hülle ermüdet seit vierzig Jahren. Steht in euren Akten. Wir haben sie gelesen, als wir das Dock bekommen haben.“ Er sah auf die Zahlen. „Zwölf Stunden. Wenn eure Gilden uns nicht im Weg stehen.“

„Sie werden Ihnen nicht im Weg stehen“, sagte Sabinus.

Der Prime betrachtete sie eine Weile. Dann nickte er, einmal, und ging.

Nach elf Stunden und vierzig Minuten war der Bruch geschlossen. Der Druck im Ring Sieben stabilisierte sich. Elftausend Menschen, die nie erfahren würden, wie nah sie an einer Fußnote gewesen waren, gingen zur Frühschicht.

Corvin fand die Kerbe am nächsten Tag, als er die Reparatur für den Bericht dokumentierte. Sie war in den Rand der neuen Hüllenplatte geschlagen, klein, rau, kaum zu sehen.

Er nahm sie nicht in den Bericht auf. Er nahm sie in sein eigenes Logbuch auf, unter einer Überschrift, die er in keiner Akademie gelernt hatte: Glieder, die nicht in der Kette stehen.

Für Spielleiter und Spieler

  • Ein imperialer Charakter denkt in Ketten. Wer hängt von wem ab? Wer hält was am Laufen? Diese Frage stellt er instinktiv, in jedem Raum, in jedem Trupp.
  • Die Rüstung ist Identität. Was passiert, wenn ein imperialer Held seine Rüstung verliert oder ablegen muss, ist einer der stärksten Momente, die du ihm geben kannst.
  • Kettennummer als Hintergrund: Lass den Spieler wählen, aus welchem Glied seine Familie stammt. Ein Kind des Kerns denkt anders als ein Kind des äußersten Rings.
  • Die Restitution ist ein guter Antrieb für imperiale Helden in gemischten Trupps. Sie erlaubt Loyalität zum Imperium und Zweifel an ihm zugleich.