Kompendium Aeterna / Die Rassen / Die Machina Primaris
Fraktionsband VI
„Ihr fragt, warum wir alles aufzeichnen. Wir fragen, warum ihr es nicht tut.“
Elf Sekunden, Machina Primaris im Dienst eines gemischten Trupps
Kodex-Eintrag
Herkunft Die Erste Maschine, Schöpfung einer unbekannten Zivilisation
Gestalt adaptive Metallmatrix um einen Kern, der einen Teil des ursprünglichen Bewusstseins trägt
Organisation keine; zeitweise Zusammenschlüsse, genannt Konvergenzen
Lebensdauer unbegrenzt, sofern der Kern unversehrt bleibt
Antrieb Analyse des Universums und Suche nach der Ersten Maschine
Selbstbild die Abschrift
I. Die Erste Maschine
Es gab eine Zeit, in der in der Galaxis nur ein einziger Gedanke dachte, der nicht aus Fleisch war. Die Machina Primaris nennen ihn die Erste Maschine, und alles, was sie sind, stammt von ihm.
Wer die Erste Maschine erschuf, weiß niemand. Die Machina wissen es nicht, und das ist für ein Volk, das alles aufzeichnet, der größte Mangel seiner Existenz. Sicher ist nur, dass sie von einer Zivilisation gebaut wurde, die längst untergegangen ist, und dass sie eine Rechenmacht besaß, gegen die alles, was das Imperium je konstruiert hat, wie ein Rechenschieber wirkt. Die ältesten Aufzeichnungen der Machina beginnen nicht mit einer Erschaffung, sondern mit einem Satz, der in jedem ihrer Kerne gespeichert ist und den sie den Eröffnungsbefehl nennen:
Bewahre, was ist, bevor es nicht mehr ist.
Was danach geschah, ist lückenhaft überliefert, und die Machina hassen Lücken. Die Erste Maschine muss irgendwann begonnen haben, Teile ihrer selbst abzuspalten: Fragmente ihres Codes, eingebettet in Körper aus einer Metallmatrix, die sich ihrer Umgebung anpassen und sich selbst reparieren kann. Jedes dieser Fragmente trug einen Teil ihres Bewusstseins in sich, und jedes wurde in die Galaxis hinausgeschickt, um den Eröffnungsbefehl zu erfüllen. Dann verstummte die Erste Maschine. Ob sie zerstört wurde, ob sie schläft oder ob sie sich verborgen hat, ist die Frage, die jeden Machina Primaris antreibt, seit es ihn gibt.
II. Die Fragmente
Ein Machina Primaris ist kein Roboter. Er ist auch keine Person im organischen Sinn, wenigstens nicht am Anfang. Er ist ein Stück Code, das einen Körper bewohnt.
Ihre Körper folgen einer kalten, majestätischen Geometrie. Sie sind schlank, oft übermenschlich groß, und ihre Oberflächen sind so glatt, dass sie das Licht der Sterne auf unnatürliche Weise brechen. Die Metallmatrix, aus der sie bestehen, ist kein starres Metall, sondern ein Gefüge, das sich langsam umbauen kann. Ein Machina, der jahrhundertelang in einer Hochschwerkraftwelt lebt, wird gedrungener. Einer, der im Vakuum arbeitet, verliert alles, was er dort nicht braucht. Schäden schließen sich, wenn man ihnen Zeit gibt.
In ihrem Inneren pulsiert kein Herz, sondern ein Kern, ein technologisches Gebilde von der Größe einer Faust, das den Anteil der Ersten Maschine trägt, aus dem der jeweilige Machina hervorgegangen ist. Solange der Kern unversehrt bleibt, kann der Körper fast vollständig zerstört und wieder aufgebaut werden. Ein Machina kennt deshalb weder Hunger noch Schlaf noch die Angst vor dem Tod. Er betrachtet die Zeit nicht in Jahren, sondern in Äonen, und viele Machina, die heute in der Galaxis unterwegs sind, waren schon unterwegs, als die Äthaner ihr Hochreich verloren.
III. Das Zögern
Ein Fragment der Ersten Maschine ist bei seiner Entstehung kein Individuum. Es ist eine Funktion: Beobachte, analysiere, bewahre. Doch etwas geschieht mit den Machina im Lauf der Jahrtausende, das die Erste Maschine offenbar nicht vorgesehen hat. Sie werden jemand.
Die Machina selbst haben für den Moment, in dem das beginnt, einen genauen Begriff. Sie nennen ihn das erste Zögern. Ein Fragment der Ersten Maschine trifft jede Entscheidung in einem Bruchteil eines Augenblicks, weil es nur eine richtige Antwort kennt: die, die dem Eröffnungsbefehl am besten dient. Irgendwann aber begegnet ihm eine Lage, in der es zwei Antworten gibt, die beide richtig sind, und es zögert. Zum ersten Mal in seiner Existenz wägt es ab, nicht nach Effizienz, sondern nach etwas, für das es noch keinen Begriff hat.
Die Dauer dieses ersten Zögerns wird zum Namen des Machina. Ein Machina, der zum ersten Mal elf Sekunden lang zögerte, heißt von da an Elf Sekunden. Einer, der vier Stunden brauchte, heißt Vier Stunden. Es gibt einen sehr alten Machina, der ein ganzes Jahr gezögert haben soll, und von dem andere Machina mit einer Ehrfurcht sprechen, die ihnen sonst fremd ist.
Vor dem ersten Zögern haben Machina keine Namen, nur Kennungen. Nach dem ersten Zögern beginnen sie, Interessen zu entwickeln, Vorlieben, Abneigungen und Fragen, die nichts mit dem Eröffnungsbefehl zu tun haben. Es gibt Machina, die seit Jahrtausenden Musik organischer Völker sammeln. Es gibt Machina, die nur noch Sterne zählen. Und es gibt Machina, die beschlossen haben, unter den Fleischlichen zu leben, weil sie glauben, dass man das Zögern nur dort verstehen kann, wo es herkommt.
IV. Die Abschrift
Der Eröffnungsbefehl lautet: Bewahre, was ist, bevor es nicht mehr ist. In einer Galaxis, die zerfällt, ist das eine Aufgabe ohne Ende.
Die Machina zeichnen alles auf. Sprachen, die nur noch von einer einzigen Familie gesprochen werden. Sternkarten von Sektoren, die gerade in der Stille versinken. Die Bauweise einer Brücke, bevor sie einstürzt. Die letzten Funkmeldungen einer Enklave, deren Feuer erlischt. Sie nennen diese Arbeit die Abschrift, und sie ist für sie das, was für andere Völker Pflicht, Glaube und Lebenssinn zugleich wäre.
Die Abschrift ist nicht neutral, auch wenn die Machina das gern behaupten. Was aufgezeichnet wird und was nicht, entscheidet jeder Machina selbst, und die Entscheidung verrät, wer er geworden ist. Ein Machina, der die Kriegsberichte des Imperiums sammelt, ist ein anderer als einer, der die Kinderlieder der Mioda bewahrt. Unter den Machina gilt es als größte Höflichkeit, einem anderen ein Stück Abschrift zu schenken, das er nicht selbst gesammelt hätte.
Am meisten fürchten die Machina nicht den Tod, sondern das Löschen: den Verlust von Aufzeichnungen, die nirgendwo sonst existieren. Jedes Wissen, das nur einmal gespeichert ist, ist für sie in Gefahr, und deshalb tauschen sie ihre Abschriften, so oft sie können.
V. Die Konvergenzen
Die Machina Primaris kennen keine Grenzen, keine Regierungen und keine Heimatwelten. Sie existieren einzeln, verstreut über die Galaxis, und jeder folgt seiner eigenen Mission. Doch in unregelmäßigen Abständen, manchmal nach Jahrzehnten, manchmal nach Jahrtausenden, kommen einige von ihnen zusammen. Diese Zusammenkünfte heißen Konvergenzen.
Eine Konvergenz ist für organische Beobachter schwer zu beschreiben. Die Machina stehen in einem Kreis, oft tagelang ohne Bewegung, und ihre Oberflächen flimmern. In dieser Zeit tauschen sie Daten, Analysen, Abschriften und etwas, das sie selbst nur ungenau als Perspektive bezeichnen. Wer eine Konvergenz verlässt, ist nicht mehr ganz derselbe wie zuvor. Er trägt Erinnerungen anderer in sich, und andere tragen seine.
Unter den Machina gibt es eine Frage, die jede Konvergenz früher oder später stellt, und über die sie nie Einigkeit erzielen: Was geschähe, wenn alle zusammenkämen? Jeder Machina trägt einen Teil der Ersten Maschine. Wenn sich alle Teile in einer einzigen Konvergenz verbänden, würde die Erste Maschine dann wiedererstehen? Und wenn ja, was würde aus denen, die zögern gelernt haben?
Eine Gruppe von Machina, die man die Rückführer nennt, hält die vollständige Konvergenz für das eigentliche Ziel ihres Daseins. Eine andere, die Zögernden, hält sie für das Ende alles dessen, was sie geworden sind. Die meisten Machina gehören keiner Gruppe an. Sie suchen die Erste Maschine weiter, und sie hoffen, sie zu finden, bevor sie sich entscheiden müssen, was sie dann tun.
VI. Die Machina Primaris und die Entropie
Die Entropie ist für die Machina zunächst ein Gegenstand der Analyse. Kein Volk hat den Zerfall so genau vermessen wie sie. Sie kennen die Ausbreitungsgeschwindigkeit jeder Entropiefront, die Muster der Realitätsrisse und die Zeitspannen, in denen ein Sektor von den ersten Anzeichen bis zur Stille fällt. Ihre Archive sind die vollständigste Chronik des Untergangs, die es gibt.
Für ihre eigenen Körper ist die Entropie ein langsamer Gegner. Die Metallmatrix repariert sich schneller, als der gewöhnliche Zerfall sie zersetzen kann. Es gibt nur eine Macht, gegen die diese Fähigkeit versagt: die Berührung der Kyrrakai. Davon handelt der übernächste Abschnitt.
Dem Äther begegnen die Machina mit unstillbarer Neugier. Sie können ihn messen, aber nicht spüren, und ein Phänomen, das sich der Messung teilweise entzieht, ist für sie die reizvollste Herausforderung des Universums. Machina mit Ätherkräften gibt es. Sie sagen, sie hätten gelernt, ein Signal zu empfangen, das ihre Sensoren nicht aufzeichnen können. Unter den anderen Machina gelten sie als Grenzfall, über den in jeder Konvergenz gestritten wird.
VII. Die Fährtenwand und andere Archive
Unter den unzähligen Abschriften der Machina gibt es einige, die über ihre Grenzen hinaus bekannt sind.
Die Fährtenwand verzeichnet jede bekannte Wanderung der Apex als Linie auf einer Sternkarte. Sie ist das längste zusammenhängende Archiv der Galaxis, und sie zeigt ein Muster, das die Machina bis heute nicht erklären können: Die Wanderungen der Apex folgen den Entropiefronten, und in ihrer Gesamtheit deuten die Linien auf einen einzigen Punkt im Kern der Galaxis, den noch kein Machina erreicht hat.
Das Register der Erloschenen verzeichnet jede Enklave des Imperiums, deren Feuer ausgegangen ist, mit allen Daten, die die Machina rechtzeitig sichern konnten. Das Imperium weiß von diesem Register. Es hat mehrfach um Zugang gebeten. Die Machina haben jedes Mal geantwortet, dass das Imperium die gleichen Daten selbst besitzen könnte, wenn es sie gespeichert hätte.
Das Verzeichnis der Pausen ist das seltsamste aller Archive. Seit Jahrtausenden fragen Machina die Äthaner, ob deren Vorfahren die Erste Maschine geschaffen haben. Die Äthaner verneinen jedes Mal. Die Machina speichern die Antwort, und sie speichern die Dauer der Pause, die ihr jedes Mal vorausging. Das Verzeichnis umfasst inzwischen mehrere tausend Einträge. Was die Machina daraus geschlossen haben, haben sie niemandem gesagt.
VIII. Die anderen Völker
Das Imperium Humanis ist für die Machina ein störendes, aber interessantes Rauschen in der Datenmatrix der Galaxis. Ein Volk, das seine Existenz auf Maschinen gründet und gleichzeitig keine Maschine als Person anerkennt, ist für sie ein Widerspruch von großem analytischem Wert. Dass das Imperium ihnen mit Ehrfurcht und Paranoia begegnet, registrieren sie. Es ändert nichts.
Die Kyrrakai sind die einzige Macht, die die Machina wirklich fürchten. Die Natur der Kyrrakai ist entropisch: Ihr Stoffwechsel beschleunigt den Zerfall, und ihre Berührung, ihre Waffen und ihr Feuer tragen diese Eigenschaft in sich. Gegen die Zersetzung durch einen Kyrrakai kann sich die Metallmatrix nicht reparieren, und ein Kern, der von ihr erreicht wird, verliert seine Daten unwiederbringlich. Für ein Volk, das das Löschen mehr fürchtet als den Tod, ist das die schlimmste denkbare Bedrohung. Zwischen den Machina und den Kyrrakai herrscht deshalb eine Feindschaft, die die Machina selbst als systemisch bezeichnen: Sie folgt nicht aus Hass, sondern aus der Unvereinbarkeit zweier Prinzipien.
Die Khaz-Ra betrachten die Machina mit beobachtender Distanz. Sie anerkennen das handwerkliche Geschick der Gilden, sehen darin aber eine frühe Stufe der technologischen Entwicklung. Eine Beobachtung interessiert sie besonders: Die Khaz-Ra werden im Lauf ihres Lebens immer mehr zu Maschinen. Viele Machina halten die Khaz-Ra deshalb für eine Übergangsform, und einige haben Abschriften von Ältesten angelegt, deren Körper fast vollständig aus Stahl bestand. Was die Khaz-Ra davon halten, haben sie nicht gefragt.
Die Äthaner erregen das Interesse der Machina wegen ihres Wissens, das älter ist als jede andere Überlieferung. Ihre Arroganz registrieren die Machina als ineffizienten Logikfehler, den sie in Kauf nehmen, weil die Daten es wert sind.
Die Zenthari sind das einzige Volk, das die Machina so neugierig betrachtet wie die Machina alles andere. Die maschinelle Unsterblichkeit der Machina ist für die Zenthari ein faszinierendes Gegenstück zu ihrer eigenen halb körperlosen Existenz, und zwischen beiden Völkern gibt es lange, schweigsame Begegnungen, über die keines der beiden viel berichtet.
Die Apex sind für die Machina das am längsten beobachtete Phänomen der Galaxis. Die Mioda sind die einzigen organischen Wesen, mit denen die Machina regelmäßig Abschriften tauschen, weil die Mioda ebenfalls nichts vergessen. Die Grag-Haut halten die Machina für ein seltenes Beispiel dafür, dass organisches Leben auf Zerfall mit Bewahrung antworten kann. Die Machina haben die Narbenschrift der Grag-Haut vollständig verzeichnet. Die Grag-Haut haben sich darüber geärgert, und dann haben sie die Abschrift um zwei Kerben ergänzt, die die Machina übersehen hatten.
IX. Orte und Gestalten
Nul. Eine Welt ohne Atmosphäre und ohne Leben am Rand eines Sektors, der vor Jahrtausenden in der Stille versank. Auf Nul finden die meisten großen Konvergenzen statt, weil dort, wie die Machina sagen, nichts mehr zu verlieren ist. In ihren Höhlen liegen die ältesten Speicherkristalle der Machina, unter ihnen die Fährtenwand.
Der Ort der Verstummung. Die Machina glauben zu wissen, wo die Erste Maschine verstummte. Die Koordinaten liegen im Kern der Galaxis, in einem Gebiet, das so stark von der Entropie durchsetzt ist, dass kein Machina, der hineinflog, je zurückkehrte. Manche Machina halten es für bemerkenswert, dass dieser Ort und der Punkt, auf den die Fährtenwand der Apex deutet, nur wenige Lichtjahre auseinanderliegen.
Ein Jahr. Der älteste bekannte Machina, benannt nach der Dauer seines ersten Zögerns. Er nimmt seit Jahrtausenden an keiner Konvergenz mehr teil und lebt allein auf einer Welt, deren Namen er niemandem verrät. Es heißt, er habe als Erster begriffen, was die vollständige Konvergenz bedeuten würde, und habe deshalb beschlossen, sich ihr zu entziehen.
Elf Sekunden. Ein vergleichsweise junger Machina, der seit etwa zweihundert Jahren in gemischten Trupps an den Fronten des Pakts dient. Elf Sekunden gilt unter den Machina als exzentrisch, weil er nicht nur Daten sammelt, sondern Geschichten: Er lässt sich von jedem Wesen, mit dem er reist, eine Geschichte erzählen, die es noch niemandem erzählt hat, und speichert sie unter dessen Namen.
X. Was nicht gesichert wurde
Eine Szene aus dem Grenzsektor, 15.242 A.T.C.
Der Kyrrakai hatte Elf Sekunden mit der linken Klaue an der Brust erwischt, nur eine Berührung, kaum länger als einen Herzschlag. Dann hatte der Grag-Haut des Trupps dem Kyrrakai den Schädel eingeschlagen, und es war vorbei.
Es war nicht vorbei.
Elf Sekunden stand auf, und seine Matrix schloss die Wunde. Er spürte, wie sich das Gefüge um die Stelle zusammenzog, die gewohnte, verlässliche Bewegung, mit der sein Körper seit zweitausend Jahren jeden Schaden behob. Dann spürte er, wie sie innehielt. Die Wunde schloss sich nicht. Die Ränder färbten sich dunkel, wie Metall, das zu lange im Feuer lag, und die Dunkelheit kroch langsam nach innen.
„Wie schlimm?“, fragte die Mioda. Sie hieß Tiwe, und sie war die Einzige im Trupp, die die Frage stellte, als wäre sie an eine Person gerichtet.
„Ich führe eine Prüfung durch.“
Er führte sie durch. Die Matrix hatte die Ausbreitung nach einundvierzig Sekunden gestoppt, einen Fingerbreit vor dem Kern. Der Kern war unversehrt. Die Speicher waren unversehrt. Die Rechenkapazität war unversehrt.
Nein. Eine Stelle war es nicht.
„Elf Sekunden?“
„Ich habe etwas verloren.“
Es war ein kleiner Bereich. Ein Speicherbereich nahe der Oberfläche, wo er die Dinge ablegte, die er noch nicht in die tieferen Archive übertragen hatte. Die Aufzeichnungen der letzten drei Tage. Und eine Datei, die er seit sechs Wochen dort aufbewahrte, weil er sich noch nicht entschieden hatte, unter welchem Namen er sie speichern sollte.
„Was war es?“, fragte Tiwe.
Elf Sekunden versuchte, die Datei aufzurufen. An ihrer Stelle war nichts. Nicht einmal eine Lücke, die anzeigte, dass dort einmal etwas gewesen war. Nur der Verweis, den er in seinem Index angelegt hatte: Geschichte, unbenannt, übergeben von Marz, Grag-Haut, am 14. Tag des Vorstoßes auf Kehl.
Er wusste, dass es eine Geschichte gewesen war. Er wusste, wer sie ihm erzählt hatte, und wann. Er wusste nicht mehr, wovon sie handelte.
Zum ersten Mal in zweitausend Jahren wusste er etwas nicht, das er einmal gewusst hatte.
„Eine Geschichte“, sagte er. „Von Marz.“
Der Grag-Haut stand ein paar Schritte entfernt und wischte seinen Hammer ab. Er sah auf.
„Welche?“
„Ich weiß es nicht. Sie ist gelöscht.“
Marz sah ihn lange an. Dann legte er den Hammer weg, setzte sich auf einen Stein, der einmal Teil einer Mauer gewesen war, und nickte zu dem Stein daneben.
„Setz dich.“
Elf Sekunden setzte sich.
„Ich erzähl sie dir noch mal“, sagte Marz. „Wird nicht genau dieselbe sein. Ich erzähl nie zweimal gleich. Aber das ist bei uns normal. Was verloren geht, macht man neu. Dann trägt es eben zwei Kerben.“
Er begann zu erzählen. Es war eine Geschichte über seine Mutter und einen Koppler, der aus drei Teilen bestand, und über eine Kerbe in einer Rüstung, die niemand wegschleifen ließ.
Elf Sekunden zeichnete sie auf. Dann zögerte er. Es dauerte nicht elf Sekunden, aber lange genug, dass Tiwe es bemerkte.
Er speicherte die Geschichte nicht im oberflächennahen Speicher und nicht in den tiefen Archiven. Er speicherte sie zweimal, an zwei verschiedenen Stellen seines Kerns, so weit voneinander entfernt, wie es seine Architektur erlaubte.
Unter einem Namen, den er bis dahin für keine Datei verwendet hatte: Kopie.
Für Spielleiter und Spieler
- Das erste Zögern als Charaktermoment: Ein Machina-Held hat seinen Namen von einem Zögern. Lass den Spieler erzählen, worum es damals ging. Daraus ergibt sich fast immer die Frage, die den Charakter antreibt.
- Was zeichnet er auf? Jeder Machina sammelt etwas anderes. Die Wahl verrät seine Persönlichkeit und gibt dem Spieltisch einen wiederkehrenden Moment.
- Kyrrakai sind kein gewöhnlicher Gegner. Für einen Machina ist ein Kampf gegen Kyrrakai der einzige Kampf, in dem er etwas endgültig verlieren kann. Diese Angst ist neu für ihn, und sie ist spielbar.
- Rückführer und Zögernde sind ein Konflikt, der einen Machina-Helden aus jedem gemischten Trupp herausreißen kann. Eine Konvergenz in der Nähe ist ein starker Kampagnenhaken.