Kompendium Aeterna / Die Rassen / Die Zenthari
Fraktionsband IX
„Ihr fragt, wohin wir gehen. Die bessere Frage wäre, wo wir stehen geblieben sind.“
Ishvar vom Vierten Zirkel, im Gespräch mit einem Äthaner
Kodex-Eintrag
Herkunft unbekannt; die Zenthari sprechen nur von davor
Gestalt leuchtender Nebel oder feiner Sternenstaub, in humanoider Form gehalten durch Bänder und Artefakte mit Glyphen
Organisation keine politische Struktur; Vortex-Zirkel aus Gelehrten und Wanderern
Bedürfnisse weder Nahrung noch Schlaf
Ziel Aufstieg in die höheren Ebenen des Äthers
Selbstbild das Band
I. Die Erscheinung
Wer zum ersten Mal einem Zenthari begegnet, glaubt meist, einen Geist zu sehen. Das ist falsch, aber nicht ganz.
Ein Zenthari hat keinen Körper aus Fleisch und Blut. Was andere Völker von ihm sehen, ist eine Gestalt aus dichtem, leuchtendem Nebel oder aus feinem Sternenstaub, der sich in einer ungefähr menschlichen Form hält. Gehalten wird diese Form von Bändern: schmalen, beschrifteten Streifen aus einem Material, das niemand außer den Zenthari herstellen kann, und von Artefakten aus Metall und Stein, die um die Gestalt kreisen oder an ihr befestigt sind. Ohne die Bänder würde der Nebel auseinanderfließen. Mit ihnen bewegt sich ein Zenthari gleitend, ohne den Boden zu berühren, und wenn er spricht, klingt seine Stimme wie ein Echo, das aus einer anderen Richtung kommt als von ihm.
Zenthari kennen weder Hunger noch Erschöpfung. Sie brauchen keine Luft, kein Wasser und keine Wärme. Sie können durch Wände gehen, wenn sie sich darauf vorbereiten, und sie tun es mit einer Mühelosigkeit, die anderen Völkern unheimlich ist. Für die Zenthari ist das nichts Besonderes. Die Wand, sagen sie, ist nur ein grobes Abbild einer Wand. Wer genau genug hinsieht, findet die Lücken.
II. Das Band
Die Bänder eines Zenthari sind nicht nur ein Halt. Sie sind sein Gedächtnis, und vielleicht sind sie mehr.
Jedes Band ist mit Glyphen beschrieben, einer Schrift, die kein anderes Volk lesen kann und die nicht einmal die Machina Primaris vollständig entschlüsselt haben. Ein Zenthari schreibt diese Glyphen selbst, ein Leben lang. Jede Erkenntnis, die er gewinnt, jede Begegnung, die ihn verändert, jede Wahrheit, die er für bewahrenswert hält, wird als Glyphe auf eines seiner Bänder gesetzt. Ein junger Zenthari trägt wenige, schmale Bänder. Ein alter Zenthari ist von so vielen umgeben, dass seine Gestalt fast darunter verschwindet.
Wenn ein Band reißt oder verloren geht, verliert der Zenthari, was darauf geschrieben stand. Nicht als Erinnerung im menschlichen Sinn, sondern als Teil seiner selbst. Ein Zenthari, der in einem Kampf ein Band verliert, ist danach ein anderer, kleiner, unvollständiger, und er weiß es. Verliert er zu viele, beginnt sein Nebel zu zerfasern, und irgendwann hält ihn nichts mehr. Was dann mit ihm geschieht, sagen die Zenthari nicht. Andere Völker nennen es Tod. Die Zenthari nennen es das Verwehen.
Deshalb sind die Bänder für die Zenthari das Kostbarste, was sie besitzen, und das Einzige, was sie jemals verteidigen. Ein Zenthari, der einem anderen Wesen ein Stück seines Bandes zeigt, erweist ihm das größte Vertrauen, das sein Volk kennt.
III. Davor
Woher die Zenthari stammen, ist das größte Rätsel, das sie umgibt, und sie tun nichts, um es aufzuklären.
Fragt man einen Zenthari nach seiner Herkunft, antwortet er mit einem Wort: davor. Fragt man weiter, erhält man keine Antwort, sondern eine Gegenfrage, meist eine, die unangenehm ist. Die Machina Primaris haben in ihren ältesten Archiven keine Spur einer Heimatwelt der Zenthari gefunden. Die Mioda, deren Erbgehör Tausende Jahre zurückreicht, sagen, dass die Zenthari in ihren ältesten Überlieferungen bereits so waren, wie sie heute sind.
Es gibt Hinweise, die sich nicht ganz zusammenfügen. In einigen Ruinen am Rand des alten Hochreichs Mirathe haben Expeditionen Wandbilder gefunden, die Wesen mit Körpern zeigen, umgeben von Bändern, wie die Zenthari sie tragen. Es gibt äthanische Texte, die von einem Volk sprechen, das „den Weg nach oben“ suchte und von den Äthanern dabei angeleitet wurde. Und es gibt den Satz, den Zenthari manchmal sagen, wenn sie glauben, dass niemand zuhört: Wir sind nicht angekommen.
Die verbreitetste Deutung unter den Gelehrten des Imperiums lautet, dass die Zenthari einmal ein körperliches Volk waren, das versucht hat, seine Körper abzulegen und in die höheren Ebenen des Äthers aufzusteigen. Die Zenthari bestreiten das nicht. Sie bestätigen es auch nicht. Und sie betrachten jeden, der danach fragt, mit einer Kälte, die genauer antwortet als jedes Wort.
IV. Die Vortex-Zirkel
Die Zenthari kennen keine Regierung, keine Gesetze und keine Grenzen. Sie existieren in Vortex-Zirkeln, lockeren Zusammenschlüssen von Gelehrten und Wanderern, die sich in unregelmäßigen Abständen treffen, um Wissen zu tauschen.
Ein solches Treffen sieht für Außenstehende aus wie ein Sturm. Die Zenthari bilden einen Kreis, und ihre Nebel beginnen zu kreisen, langsam zuerst, dann schneller, bis sie sich zu einem leuchtenden Wirbel verbinden, aus dem die Bänder wie Speichen eines Rades herausragen. In diesem Wirbel, so heißt es, teilen die Zenthari mehr als Worte. Sie teilen, was auf ihren Bändern steht. Wenn der Wirbel sich auflöst, trägt jeder Zenthari neue Glyphen, die er nicht selbst geschrieben hat.
Die Machina Primaris haben ein solches Treffen einmal beobachtet und festgestellt, dass es einer Konvergenz bemerkenswert ähnlich ist. Seitdem gibt es zwischen den beiden Völkern eine Neugier, die bei beiden ungewöhnlich ist.
Die Zirkel tragen Nummern statt Namen. Ishvar vom Vierten Zirkel gehört zum vierten, der als einer der ältesten gilt. Wie viele Zirkel es gibt, weiß niemand außerhalb der Zenthari. Manche Gelehrte glauben, es seien weniger als hundert. Manche glauben, dass die Zenthari insgesamt nur einige tausend Wesen zählen, und dass ihre Zahl mit jedem Verwehen kleiner wird.
V. Die Zenthari und die Entropie
Für die meisten Völker ist die Entropie der Feind. Für die Zenthari ist sie eine Wahrheit.
Die Zenthari betrachten die physische Welt als grobes Abbild einer höheren Realität, die man nur im Äther erkennen kann. Die Entropie, die diese physische Welt zerfrisst, ist für sie deshalb kein Untergang, sondern ein Abtragen von Schichten. Wo die Materie zerfällt, wird sichtbar, was unter ihr liegt. Die Zenthari wollen die Entropie nicht aufhalten wie das Imperium, nicht reparieren wie die Grag-Haut und nicht kontrollieren wie die Äthaner. Sie wollen durch sie hindurch.
Daraus erklärt sich ihr Interesse an den Entropie-Bruchstellen, den Orten, an denen die Realität reißt und Äther hervorströmt. Fast jeder Zenthari, den man in einem gemischten Trupp findet, ist ein Beobachter, der mit den „Fleischlichen“ reist, um eine bestimmte Bruchstelle zu erreichen oder zu erforschen. Was er dort sucht, sagt er selten. Andere Völker vermuten, dass die Zenthari in den Bruchstellen einen Weg suchen, den Aufstieg zu vollenden, der ihnen einmal misslungen ist.
Unter den Zenthari selbst gibt es darüber Streit, auch wenn sie ihn nie vor anderen austragen. Die meisten Zirkel beobachten. Einige wenige, die andere Zenthari nur die Ungeduldigen nennen, sollen versucht haben, Bruchstellen zu erweitern, um schneller hindurchzukommen. Wenn das stimmt, dann sind die Zenthari nicht nur Zuschauer des Zerfalls. Dann sind manche von ihnen seine Helfer.
Ihre Kräfte im Äther sind beträchtlich. Zenthari, die sich dem Kampf zuwenden, werden zu gefürchteten Ätherwirkern, und ihre Fähigkeit, für einen Augenblick durch Materie zu gleiten, macht sie im Gefecht beinahe unfassbar. Doch jeder Einsatz zehrt an ihren Bändern, und kein Zenthari kämpft, ohne zu wissen, dass er dabei ein Stück von sich riskiert.
VI. Die anderen Völker
Das Imperium Humanis ist für die Zenthari eine weitere vergängliche Zivilisation, die sich im Staub der Zeit auflösen wird. Sie begegnen den Menschen nicht feindselig, sondern gleichgültig, und diese Gleichgültigkeit kränkt das Imperium mehr als jeder Angriff.
Die Äthaner empfinden die Zenthari als geistige Verwandte, und die Zenthari erwidern dieses Gefühl auf ihre Weise: mit Herablassung. Für die Zenthari sind die Äthaner in einer dogmatischen Fixierung auf den Äther gefangen. Sie versuchen ihn zu weben, zu beherrschen, zu halten, wo man ihn nur durchschreiten müsste. Unter dieser Herablassung liegt etwas anderes, das die Zenthari nie aussprechen. Die Äthaner spüren es. Sie fürchten die Kälte der Zenthari, und sie wissen nicht genau, ob diese Kälte Gleichgültigkeit ist oder ein sehr alter Vorwurf.
Die Machina Primaris sind das einzige Volk, das die Zenthari wirklich interessiert. Die Machina sind Körper ohne Ende, die Zenthari sind ein Ende ohne Körper. Beide sind auf eine Weise unsterblich, die organische Wesen nicht begreifen, und beide tragen ihr Gedächtnis außerhalb ihrer selbst, die einen in Speichern, die anderen in Bändern. Zwischen Machina und Zenthari kommt es zu langen Begegnungen, in denen oft tagelang kein Wort fällt.
Die Mioda besuchen die Zenthari selten, aber wenn sie es tun, erzählen sie den Mioda Dinge, die sie sonst niemandem erzählen. Vielleicht, weil die Mioda nichts vergessen. Vielleicht, weil die Mioda nichts weitergeben, was man ihnen anvertraut hat, ohne dass es nötig wird.
Die Apex und die Kyrrakai meiden die Zenthari schlicht. Wesen, die nur aus Hunger oder nur aus Zorn bestehen, lassen keinen Raum für Transzendenz, und ein Zenthari hat ihnen nichts zu sagen. Die Grag-Haut und die Khaz-Ra betrachten die Zenthari als unzuverlässig, weil man sie nicht reparieren kann. Den Zenthari ist das gleichgültig.
VII. Orte und Gestalten
Die Stillen Gärten. Ein Gebiet nahe dem Rand des alten Hochreichs Mirathe, in dem sich besonders viele Vortex-Zirkel treffen. Die Gärten sind Ruinen: Hallen, Terrassen und Brücken, die einmal von körperlichen Wesen bewohnt wurden und deren Wandbilder Gestalten mit Bändern zeigen. Die Zenthari betreten die Gärten nur, um sich dort zu treffen, und sie verlassen sie ohne ein Wort. Wenn man sie fragt, was die Gärten früher waren, antworten sie: davor.
Die Bruchstelle von Halreth. Eine der größten bekannten Entropie-Bruchstellen außerhalb des Kerns. Seit Jahrhunderten stehen dort Zenthari in einem stillen Kreis, die sich angeblich nie bewegen. Imperiale Aufklärer haben gezählt, dass der Kreis mit jedem Jahrzehnt kleiner wird. Ob die fehlenden Zenthari verweht sind oder hindurchgegangen, weiß niemand.
Ishvar vom Vierten Zirkel. Ein Zenthari, der seit einigen Jahrzehnten mit gemischten Trupps in den Grenzgebieten reist und als ungewöhnlich gesprächig gilt, was bei den Zenthari bedeutet, dass er manchmal Fragen beantwortet. Ishvar trägt mehr Bänder als jeder andere Zenthari, dem Menschen je begegnet sind. Unter ihnen ist eines, das er nie zeigt und nie berührt, und das seine Begleiter das Schwarze Band nennen, weil seine Glyphen dunkler sind als alle anderen.
VIII. Die Tür
Eine Szene am Rand der Bruchstelle von Halreth, 15.242 A.T.C.
Die Bruchstelle sah nicht aus wie ein Riss. Sie sah aus wie ein Ort, an dem das Licht nicht wusste, wohin es fallen sollte.
Selvan stand am Rand des Kreises und hielt sich an seiner Fassung fest wie an einem Geländer. Er war Äthaner, Klinge seines Konvents, und er hatte in seinem Leben vor vielen Bruchstellen gestanden. Diese hier war anders. Der Äther strömte aus ihr nicht hervor, er zog hinein, und mit ihm etwas in Selvan, das er nicht benennen konnte.
Neben ihm schwebte Ishvar. Der Nebel des Zenthari leuchtete heller als sonst, und seine Bänder bewegten sich, obwohl kein Wind ging.
„Sie stehen seit dreihundert Jahren dort“, sagte Selvan und nickte zu dem Kreis der Zenthari, der um die Bruchstelle stand, reglos, kaum mehr als ein Dutzend Gestalten. „Worauf warten sie?“
„Darauf, dass die Tür weit genug ist.“
„Und dann?“
Ishvar antwortete nicht. Er glitt einen Schritt nach vorn, dann noch einen. Selvan sah, wie sich die äußersten seiner Bänder in Richtung der Bruchstelle streckten, als wollten sie vorausgehen.
„Ishvar.“
Der Zenthari hielt inne.
„Wir haben einen Auftrag“, sagte Selvan. „Der Trupp wartet. Du hast versprochen, die Bruchstelle zu vermessen, nicht zu …“ Er fand das Wort nicht.
„Nicht hindurchzugehen“, sagte Ishvar. „Ich weiß, was ich versprochen habe. Die Mioda hat es nachgesprochen.“ Er drehte sich um. Sein Gesicht, wenn man es so nennen konnte, war ein Wirbel aus Licht, aber Selvan hatte gelernt, die Bewegungen darin zu lesen. Das hier war etwas, das bei einem Menschen Trauer gewesen wäre.
„Weißt du, warum wir euch nicht leiden können, Selvan?“
„Weil wir den Äther weben, statt ihn zu durchschreiten. Das sagt ihr jedem.“
„Das sagen wir jedem.“ Ishvar glitt zurück, bis er neben ihm war. Für einen Augenblick lösten sich seine Bänder und schwebten einzeln um ihn herum, und Selvan sah zum ersten Mal das Schwarze Band. Seine Glyphen waren nicht in die Oberfläche geschrieben, sondern in sie hineingebrannt.
„Ihr habt uns gelehrt, die Tür zu öffnen“, sagte Ishvar sehr leise. „Davor. Ihr habt uns gezeigt, wie man das Fleisch ablegt und hinaufsteigt. Wir waren auf halbem Weg, als bei euch die Welt müde wurde.“
Selvan rührte sich nicht.
„Ihr habt die Tür zugeschlagen, Äthaner. Nicht absichtlich. Ihr wart damit beschäftigt, eure eigenen Welten festzuhalten.“ Die Bänder ordneten sich wieder um Ishvars Gestalt, und das Schwarze Band verschwand unter den anderen. „Wir stehen seitdem auf der Schwelle. Wir können nicht zurück, weil wir keine Körper mehr haben. Und wir können nicht weiter, weil auf der anderen Seite niemand mehr aufmacht.“
„Das steht in keiner Lehre“, sagte Selvan. Seine Stimme klang fremd.
„Nein. Das steht auf einem Band.“
Sie standen eine Weile schweigend am Rand. Der Kreis der Zenthari bewegte sich nicht. Die Bruchstelle zog weiter am Licht.
Dann wandte sich Ishvar ab, zurück zum Lager, wo der Trupp wartete.
„Ich habe es versprochen“, sagte er. „Ich vermesse sie. Und dann gehe ich mit euch zurück.“
„Warum?“, fragte Selvan.
Ishvar blieb nicht stehen.
„Weil ich wissen will, ob ihr diesmal die Tür offen haltet, wenn jemand auf der Schwelle steht.“
Für Spielleiter und Spieler
- Ein Zenthari-Held ist ein Beobachter. Was beobachtet er, und warum? Die Antwort sollte persönlicher sein, als er zugeben würde.
- Bänder als Lebenspunkte der Seele: Erzählerisch kann ein Zenthari Bänder verlieren, wenn er schwer verwundet wird oder sich zu weit in den Äther wagt. Jedes verlorene Band ist eine Erinnerung, die der Spieler streicht.
- Das Geheimnis: Was die Zenthari wirklich sind, sollten Spieler nur Stück für Stück erfahren. Eine Kampagne, die bei den Stillen Gärten endet, kann es lüften.
- Zenthari und Äthaner im selben Trupp tragen einen Konflikt, den nur einer von beiden kennt. Das ist ideal für eine langsame Enthüllung.