Kompendium Aeterna / Die Rassen / Die Khaz-Ra
Fraktionsband III
„Ein Mensch fragt, wie schnell man etwas bauen kann. Ein Khaz-Ra fragt, wie lange es stehen wird. Nur eine dieser Fragen ist wichtig.“
Großmeisterin Durrah Vel, Gilde der Fundamente
Kodex-Eintrag
Herkunft Skal, Hochschwerkraftwelt im Kern des Skal-Verbands
Abstammung Eigenständiges Volk, angepasst an mörderische Schwerkraft und toxische Atmosphären
Organisation Groß-Gilden unter einem Rat der Ältesten
Verhältnis zum Imperium Humanis vertragliche Partnerschaft
Werkstoff Skal-Stahl, unter Hochschwerkraft gegossen
Selbstbild die, die bleiben, wenn alles fällt
I. Die Last
Auf Skal wiegt ein Mensch das Viereinhalbfache seines Gewichts. Wer dort geboren wird, lernt zuerst nicht zu laufen, sondern zu stehen.
Die Heimatwelt der Khaz-Ra ist ein Planet, auf dem fast nichts aufrecht bleibt. Die Berge sind flach, die Stürme schwer und giftig, und der Boden drückt alles, was auf ihm steht, unablässig nach unten. Leben, das auf Skal entstand, wuchs nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Die Vorfahren der Khaz-Ra waren gedrungene Wesen, deren Knochen sich unter dem Gewicht ihrer eigenen Körper verdichteten, bis sie fast so hart waren wie das Gestein, in das sie ihre Höhlen gruben.
Ein ausgewachsener Khaz-Ra ist fast so breit, wie ein Mensch hoch ist. Seine Haut ist grau und rau wie verwitterter Stein, seine Muskulatur so dicht, dass leichte Projektile an ihr abfedern, ohne sie zu durchdringen. Auf anderen Welten bewegen sich die Khaz-Ra mit einer Langsamkeit, die Fremde oft für Schwerfälligkeit halten. Es ist das Gegenteil. Ein Khaz-Ra, der unter normaler Schwerkraft lebt, trägt sein ganzes Leben lang weniger, als er tragen könnte, und er bewegt sich so bedacht, weil er gelernt hat, dass jede unnötige Bewegung auf Skal Kraft kostet, die man später braucht.
Die Khaz-Ra nennen diesen Zustand die Last. Sie ist für sie nicht Leid, sondern Maß. Was die Last aushält, ist gut gebaut. Was unter ihr bricht, war es nicht.
II. Die Erste Last
Kein Khaz-Ra verlässt die Kindheit, ohne dass sein Körper verändert wird.
In den tiefen Minen von Skal reicht selbst die Kraft eines ausgewachsenen Khaz-Ra nicht aus, um das Gestein zu brechen, das unter der Schwerkraft der Welt so dicht geworden ist wie Metall. Deshalb begannen die Khaz-Ra schon vor Jahrtausenden, ihre Körper mit kybernetischen Implantaten zu verstärken: verstärkte Gelenke, hydraulische Sehnen, Panzerplatten unter der Haut, später ganze Gliedmaßen aus Skal-Stahl.
Das erste Implantat erhält ein junger Khaz-Ra mit etwa fünfzehn Jahren. Es ist meist schlicht, ein verstärktes Handgelenk oder ein Rückenstützband, und es wird in einer Zeremonie eingesetzt, die Erste Last heißt. Von da an kommt im Lauf eines Lebens Implantat um Implantat hinzu, jedes ein Zeichen für eine bestandene Aufgabe, ein gemeistertes Handwerk, eine überstandene Belagerung. Deshalb kann man das Alter eines Khaz-Ra an der Komplexität seiner bionischen Erweiterungen ablesen. Ein junger Gildengeselle trägt ein oder zwei. Ein Ältester ist oft zu mehr als der Hälfte aus Stahl.
Die Khaz-Ra sprechen darüber ohne Scheu. Was andere Völker als Verlust ihrer Natur betrachten würden, ist für sie Wachstum. Ein Körper ist ein Bauwerk wie jedes andere, und ein gutes Bauwerk wird im Lauf der Zeit verstärkt.
Doch es gibt eine Grenze, über die kein Khaz-Ra gerne spricht, und sie ist der Grund für ihr Misstrauen gegenüber den Machina Primaris. Davon später.
III. Die Standzeit
Für die Khaz-Ra hat alles, was gebaut wird, eine Standzeit: die Zeit, die es stehen wird, bevor es fällt. Ein Zelt hat eine Standzeit von Wochen. Ein menschliches Haus von Jahrzehnten. Eine Festung der Khaz-Ra, wenn sie gut gebaut ist, von Jahrtausenden.
Die Standzeit ist das Maß aller Dinge in ihrer Kultur. Ein Khaz-Ra wird nicht nach seinem Reichtum beurteilt oder nach seinen Siegen, sondern nach der Standzeit dessen, was er errichtet hat. Wer eine Mauer gebaut hat, die tausend Jahre stand, ist geehrter als jeder Feldherr. Die Namen der Khaz-Ra tragen deshalb einen Zusatz, der im Lauf des Lebens wechseln kann: den Namen ihres beständigsten Werks. Durrah Vel heißt in den Gilden vollständig Durrah Vel vom Westwall von Karrn, und der Westwall von Karrn steht seit elfhundert Jahren.
Das erklärt die Geduld, für die die Khaz-Ra berühmt sind. Ein Khaz-Ra überstürzt nichts, weil Eile die Standzeit verkürzt. Jedes Zahnrad, jeder Bolzen, jede Naht wird mit einer Sorgfalt geprüft, die anderen Völkern absurd erscheint. Ein imperialer Ingenieur, der einmal mit einer Gilde der Khaz-Ra zusammenarbeitete, schrieb in seinem Bericht: Sie haben drei Tage gebraucht, um zu entscheiden, wo das Fundament hinkommt. Dann haben sie in neun Stunden eine Bastion gebaut, die unsere Artillerie nicht durchschlagen konnte.
IV. Der Skal-Verband
Die Khaz-Ra besiedeln heute ein Netz aus etwa sechzig Welten, die meisten davon Hochschwerkraftwelten oder Planeten mit giftiger Atmosphäre, auf denen kein anderes Volk freiwillig lebt. Dieses Netz heißt Skal-Verband, nach der Heimatwelt, und es ist keine Nation im imperialen Sinn, sondern ein Gefüge aus Festungen, Minen und Werkstätten, die durch Verträge und Handwerk zusammengehalten werden.
Den Verband tragen die Groß-Gilden. Jede von ihnen meistert einen Aspekt der Technik und des Handwerks, und jede ist zugleich Schule, Unternehmen und Familie. Die bedeutendsten sind:
- Die Gilde der Fundamente, die alles errichtet, was steht: Mauern, Bastionen, Hallen, Brücken.
- Die Gilde der Geschütze, die die schwere Artillerie der Khaz-Ra baut und bedient, die gefürchtetste der bekannten Galaxis.
- Die Gilde der Felder, die Energiebarrieren erzeugt, mit denen Khaz-Ra-Festungen auch Angriffe aus dem Orbit überstehen.
- Die Gilde der Schächte, die Minen gräbt und den Skal-Stahl gießt, der allem anderen zugrunde liegt.
- Die Gilde der Maße, die kleinste und älteste, die Zeit misst, Standzeiten berechnet und die Urteile darüber spricht, welches Werk gut war.
Über allen Gilden steht der Rat der Ältesten. In ihm sitzt, wer innerhalb seiner Gilde die höchste Standzeit errichtet hat und alt genug ist, um es bezeugen zu können. Entscheidungen des Rates dauern lange. Sie halten auch lange.
V. Skal-Stahl
Das Metall, dem die Khaz-Ra ihren Ruf verdanken, entsteht nur unter der Schwerkraft ihrer Heimatwelt. Wenn flüssiges Erz unter dem Viereinhalbfachen der normalen Last erkaltet, verdichtet sich seine Struktur auf eine Weise, die in keinem Labor der Galaxis nachgeahmt werden konnte. Skal-Stahl ist schwerer als jedes andere Metall, härter als imperiale Panzerlegierungen und erstaunlich widerstandsfähig gegen die schleichende Ermüdung, die die Entropie in jedes Material trägt.
Der Skal-Stahl ist die Grundlage der Partnerschaft mit dem Imperium. Die imperialen Schmieden kaufen ihn in großen Mengen, die Panzerung der schwersten Legionen besteht zu einem guten Teil daraus, und die Khaz-Ra liefern zuverlässig, pünktlich und zu Preisen, die sich in Jahrhunderten kaum verändert haben. Sie verkaufen den Stahl. Das Verfahren, ihn zu gießen, verkaufen sie nicht. Das Imperium hat es mehrfach versucht, in eigenen Hochschwerkraftanlagen, und es ist jedes Mal gescheitert. Die Khaz-Ra sagen dazu nur, dass man Skal nicht bauen kann. Man muss dort geboren sein.
VI. In die Mauer gehen
Die Khaz-Ra kennen keine Götter. Was sie kennen, ist das Bauwerk, und ihr einziger Glaube ist der an die Standzeit.
Wenn ein Khaz-Ra stirbt, wird sein Körper nicht begraben und nicht verbrannt. Seine Implantate werden entnommen, gereinigt, geprüft, und dann werden sie verbaut: in die Mauern, Bastionen und Geschütze der Festung, die er sein Leben lang verteidigt oder errichtet hat. Ein Kniegelenk wird zur Achse eines Tors. Eine Wirbelplatte wird zum Teil eines Strebepfeilers. Die Khaz-Ra nennen das in die Mauer gehen, und es ist die höchste Ehre, die ihre Kultur kennt.
Deshalb sind die ältesten Festungen der Khaz-Ra mehr als Gebäude. Sie sind Gräber und Archive zugleich. In den Mauern der großen Bastion von Skal sollen die Implantate von über vierhunderttausend Khaz-Ra verbaut sein, und jedes Bauteil ist mit dem Namen dessen verzeichnet, der es einst trug. Ein Khaz-Ra, der eine solche Mauer berührt, berührt seine Vorfahren.
Wer in einer Schlacht fällt, deren Ausgang die Festung rettete, geht in den Grundstein. Wer sein Werk verraten hat, geht nirgendwohin. Seine Implantate werden eingeschmolzen, und sein Name wird aus den Verzeichnissen der Gilde der Maße gestrichen. Es ist die einzige Strafe, die die Khaz-Ra als schlimmer als den Tod betrachten.
VII. Die Uhr von Ithal
Die Antipathie zwischen den Khaz-Ra und den Äthanern ist älter als das Imperium Humanis. Sie hat einen Namen, und sie hat ein Datum, auch wenn dieses Datum in keinem menschlichen Kalender steht.
Vor etwa sechzehntausend Jahren, als die Menschen noch keinen Caesar kannten, schlossen ein Konvent der Äthaner und die Gilde der Fundamente einen Vertrag, der in der Geschichte beider Völker einmalig ist. Die Äthaner wollten auf der Welt Ithal einen Ätherleiter errichten, eine Nadel von elf Kilometern Höhe, die Ströme aus einer nahen Bruchstelle bündeln und in ihre Saumwelten leiten sollte. Die Äthaner konnten den Äther weben. Sie konnten nicht bauen, was ihn trug. Also baten sie die Khaz-Ra.
Die Gilde der Fundamente baute neunzehn Jahre an der Nadel. Die Äthaner webten zwei weitere Jahre an ihr. Am ersten Tag des vollen Betriebs riss die Nadel von Ithal in ihrer Mitte, und die gebündelten Ströme schlugen in die Kruste der Welt. Die Siedlung der Khaz-Ra am Fuß der Nadel, über zweihunderttausend Arbeiter und ihre Familien, wurde von der entropischen Welle verschluckt. Die Äthaner auf der Spitze wurden rechtzeitig fortgeholt.
Was die Nadel zum Reißen brachte, ist bis heute umstritten. Die Äthaner sagen, das Material habe versagt. Die Khaz-Ra sagen, die Weberei habe Kräfte in das Bauwerk geleitet, die niemand angekündigt hatte. Beide Völker haben ihre Berechnungen aufbewahrt. Keines hat sie dem anderen je gezeigt.
Die Khaz-Ra hassen die Äthaner nicht im Sinne einer Blutfehde. Sie misstrauen ihnen, und sie haben dafür einen Grund, den sie für vollkommen rational halten: Ein Volk, das mit Kräften arbeitet, deren Verhalten es nicht vorhersagen kann, baut ohne Standzeit. Was die Äthaner „Äther-Manipulation“ nennen, nennen die Khaz-Ra unzuverlässigen Hokuspokus, und sie meinen das als technisches Urteil, nicht als Beleidigung.
Doch Ithal ist auch für die Khaz-Ra ein Ort der Scham. Die Nadel war ihr Werk, und sie ist gefallen. Auf Skal steht deshalb ein Bauwerk, das die Gilde der Maße errichtet hat: die Uhr von Ithal, ein Uhrwerk aus Skal-Stahl, das seit dem Bruch ununterbrochen läuft und die Tage zählt. Es ist kein Mahnmal der Rache. Es ist eine Frage, und sie lautet: Wessen Werk hat versagt? Die Uhr wird angehalten, wenn jemand es beweisen kann, gleichgültig, welche Antwort dabei herauskommt. Sie läuft noch.
VIII. Die Khaz-Ra und die Entropie
Kein Volk der Galaxis baut so konsequent gegen den Zerfall wie die Khaz-Ra. Ihre Antwort auf die Entropie ist Masse und Zeit: Sie bauen so dicht, so schwer und so sorgfältig, dass der Zerfall Jahrtausende braucht, um sich durch ihre Werke zu fressen. Die Imperialen schotten sich ab, die Grag-Haut reparieren, die Khaz-Ra überdauern.
Sie wissen, dass auch ihre Mauern irgendwann fallen werden. Doch die Gilde der Maße hat eine Lehre formuliert, die jedes Kind lernt: Die Entropie ist ein Gegner mit unendlich viel Zeit. Also bauen wir so, dass sie sie braucht.
Den Äther lehnen die Khaz-Ra ab, und Ätherwirker sind unter ihnen fast unbekannt. Wer unter den Khaz-Ra eine Begabung für den Äther zeigt, verlässt meist den Verband, nicht weil er verstoßen wird, sondern weil keine Gilde ihn ausbilden kann. Einige dieser Wanderer findet man in gemischten Trupps. Sie gelten als schwierig, gründlich und bemerkenswert vorsichtig.
IX. Die anderen Völker
Das Imperium Humanis ist der wichtigste Kunde und ein Partner, dem die Khaz-Ra mit kühler Achtung begegnen. Sie respektieren die imperiale Ordnung und den Glauben an die Technik. Sie verachten die menschliche Kurzsichtigkeit: ein Volk, das in Jahrzehnten plant, wo man in Jahrtausenden planen müsste. Die imperialen Präfekten wiederum wissen, dass ein Vertrag mit den Khaz-Ra gehalten wird, und dass man ihn deshalb genau lesen sollte, bevor man ihn unterschreibt.
Die Grag-Haut sind den Khaz-Ra ein Rätsel, das sie heimlich bewundern. Ein Volk, das ohne Gilden, ohne Verfahren und ohne Skal-Stahl Maschinen am Laufen hält, die jeder Khaz-Ra längst verschrottet hätte, widerspricht allem, was die Gilden lehren. Die Khaz-Ra nennen die Grag-Haut Flicker, und in diesem Wort liegt so viel Spott wie Respekt. Öffentlich würde kein Ältester zugeben, dass die Flicker etwas können, was die Gilden nicht können. Privat schicken manche Gilden ihre Gesellen auf die Halde, um es zu lernen.
Die Machina Primaris wecken in den Khaz-Ra eine Mischung aus Neugier und Unbehagen, die tiefer reicht, als sie zugeben. Ein Khaz-Ra wird im Lauf seines Lebens immer mehr zu Stahl. Die Machina sind Stahl, der denkt. Die Frage, die kein Khaz-Ra laut stellt, ist die, wo die Grenze liegt: Wann ist ein Ältester, der zu neun Zehnteln aus Implantaten besteht, kein Khaz-Ra mehr? Die Machina sind die Antwort, die sie fürchten. Deshalb sehen die Khaz-Ra in ihnen eine Bedrohung für alles organische Leben, und deshalb studieren sie jeden Machina, der ihnen begegnet, mit der Gründlichkeit eines Ingenieurs, der ein Bauteil auf Ermüdungsrisse prüft.
Die Apex sind der einzige organische Feind, den die Khaz-Ra respektieren. Kein anderes lebendes Wesen hat je eine Festung der Khaz-Ra genommen, ohne Artillerie, ohne Belagerungsgerät, allein mit Krallen und Hartnäckigkeit. Die Apex haben es getan. Vor der Feste Varrak kratzte ein Klan einunddreißig Jahre lang an einer Mauer aus Skal-Stahl, bis sie nachgab. Die Gilde der Fundamente hat seitdem eigene Mauerprofile entwickelt, die nur dazu dienen, Kletterer abzuweisen.
Die Äthaner sind das Volk von Ithal. Mehr muss ein Khaz-Ra dazu nicht sagen.
X. Orte und Gestalten
Skal. Die Heimatwelt und das Herz des Verbands. Ihre Oberfläche ist von giftigen Stürmen gepeitscht, und das Leben der Khaz-Ra spielt sich fast vollständig unter der Erde ab, in Hallen, deren Decken so dick sind, dass kein bekannter Orbitalbeschuss sie durchschlagen könnte. Im Zentrum liegt die Große Bastion, die älteste Festung der Khaz-Ra, in deren Mauern ihre Vorfahren verbaut sind.
Die Uhr von Ithal. Ein Uhrwerk von der Höhe eines Hauses in einer eigenen Halle auf Skal. Sein Ticken ist in den umliegenden Gängen ständig zu hören. Kinder der Khaz-Ra lernen das Zählen, indem sie seine Schläge mitzählen.
Der Westwall von Karrn. Eine Verteidigungsanlage auf einer Grenzwelt des Verbands, die seit elfhundert Jahren steht und in dieser Zeit neun Belagerungen überstanden hat, darunter zwei durch Kyrrakai-Dynastien. Er ist das Werk der Großmeisterin Durrah Vel, deren Name seither untrennbar mit ihm verbunden ist.
Großmeisterin Durrah Vel. Die älteste lebende Meisterin der Gilde der Fundamente, nach eigenen Angaben über dreihundert Jahre alt und nach Schätzung der Gilde der Maße zu vier Fünfteln aus Skal-Stahl. Vel sitzt im Rat der Ältesten und gilt als die einflussreichste Stimme für Bündnisse mit dem Imperium. Sie hat General Agrippa die Pioniertrupps gestellt, die seine Front im Grenzsektor halten.
Hask, genannt der Wanderer. Ein Khaz-Ra mit einer Begabung für den Äther, der den Verband vor vierzig Jahren verließ und seither in gemischten Trupps dient. Er ist der einzige bekannte Khaz-Ra, der je mit einem Konvent der Äthaner gesprochen hat. Was dabei herauskam, hat er niemandem erzählt. Die Uhr von Ithal läuft weiter.
XI. Der Grundstein
Eine Szene vom Westwall von Karrn, 15.242 A.T.C.
Die Apex kamen in der dritten Nacht, wie Durrah Vel es vorausgesagt hatte, und sie kamen über die Nordflanke, wie sie es nicht vorausgesagt hatte.
Tem stand auf der Geschützplattform und hörte sie, bevor er sie sah. Ein Geräusch wie Regen auf Stahl, nur dass es auf dieser Welt nie regnete. Krallen. Tausende davon, auf dem glatten Profil der Außenmauer, das die Gilde der Fundamente eigens gegen Kletterer entwickelt hatte. Das Profil hielt sie nicht auf. Es verlangsamte sie nur.
„Langsamer reicht“, sagte die Großmeisterin hinter ihm.
Tem drehte sich nicht um. Er hatte die Großmeisterin in den sieben Jahren seiner Gesellenzeit vielleicht hundertmal gesehen und nie, wirklich nie, schnell bewegen. Sie stand jetzt am Rand der Plattform, und das Licht der Feldbarriere spielte auf den Stahlplatten ihres Gesichts. Von dem grauen Stein ihrer ursprünglichen Haut war nur noch ein schmaler Streifen um die Augen übrig.
„Die Nordgeschütze sind nicht ausgerichtet“, sagte Tem. „Wir haben mit dem Angriff im Osten gerechnet.“
„Du hast mit dem Angriff im Osten gerechnet.“ Vel trat neben ihn an die Brüstung. „Ich habe mit einem Angriff gerechnet. Die Nordgeschütze brauchen vierzig Minuten zum Ausrichten. Das Profil kauft uns fünfzig.“
„Und wenn es nur dreißig kauft?“
„Dann hätte ich das Profil falsch berechnet.“ Sie sagte es ohne jede Betonung. „Ich habe es nicht falsch berechnet.“
Tem gab die Befehle weiter. Unten in den Geschützkammern begannen die Gesellen der Gilde der Geschütze, die schweren Rohre zu drehen, Grad um Grad, mit dem tiefen Mahlen von Skal-Stahl auf Skal-Stahl, das er schon als Kind im Schlaf gehört hatte. Das Krallengeräusch wurde lauter.
„Großmeisterin“, sagte er nach einer Weile. „Darf ich etwas fragen?“
„Du fragst sowieso.“
„Warum stehen Sie hier oben? Der Rat hat Sie zurückgerufen. Die Bastion in der Tiefe ist sicherer.“
Vel antwortete nicht sofort. Sie legte eine Hand auf die Brüstung, und Tem sah, dass ihre Finger über das Metall strichen wie über die Haut eines Tieres. Auf der Brüstung, kaum lesbar unter der Patina von elfhundert Jahren, waren Namen eingraviert.
„Mein Lehrmeister ist hier“, sagte sie. „In dieser Brüstung. Seine linke Hand. Ich habe sie selbst eingesetzt, als ich so alt war wie du.“ Sie strich noch einmal über das Metall. „Wenn ich unten in der Bastion sitze, während seine Hand die Mauer hält, dann war meine Standzeit eine Lüge.“
Die Nordgeschütze meldeten Bereitschaft nach achtunddreißig Minuten.
Tem gab den Feuerbefehl. Die Plattform bebte. Unten an der Nordflanke riss die erste Salve eine Schneise in die Masse aus Schuppen und Zähnen, und die zweite, und die dritte. Die Apex wichen nicht. Sie wichen nie. Aber sie kletterten jetzt in eine Wand aus Feuer, und das Profil der Mauer hielt sie lange genug darin fest.
Bei Sonnenaufgang war es vorbei. Der Westwall stand. Er hatte die zehnte Belagerung überstanden.
Durrah Vel stand noch immer an der Brüstung. Sie hatte sich die ganze Nacht nicht bewegt. Als Tem sie ansprach, antwortete sie nicht, und als er näher trat, sah er, dass das Licht in den Stahlplatten um ihre Augen erloschen war.
Die Gilde der Maße brauchte zwei Tage, um zu berechnen, an welcher Stelle sie in die Mauer gehen sollte. Sie entschieden sich für den Grundstein der Nordflanke. Tem setzte ihre rechte Hand selbst ein, neben die linke Hand ihres Lehrmeisters, in die Brüstung, an der sie gestanden hatte.
Dann gravierte er ihren Namen in das Metall. Vollständig, mit dem Zusatz, den sie sich verdient hatte.
Durrah Vel vom Westwall von Karrn. Standzeit: noch nicht bestimmt.
Für Spielleiter und Spieler
- Ein Khaz-Ra misst jede Lösung an ihrer Standzeit. Ein schneller Plan ist für ihn ein schlechter Plan, bis man ihm das Gegenteil beweist. Das erzeugt gute Reibung in jedem Trupp.
- Implantate als Biografie: Lass Spieler für jedes Implantat ihres Charakters kurz notieren, wofür er es erhalten hat. Mit jedem Level kann ein neues dazukommen.
- Die Grenze: Ein älterer Khaz-Ra mit vielen Implantaten, der einem Machina Primaris begegnet, sieht vielleicht seine eigene Zukunft. Diese Begegnung lohnt eine eigene Szene.
- Ithal ist eine offene Frage. Ein Kampagnenbogen, in dem die Helden die beiden versteckten Berechnungen finden, kann die Uhr anhalten. Ob die Antwort den Khaz-Ra oder den Äthanern gefällt, entscheidet der Spieltisch.